Das Palais Todesco

 

Palais Todesco

 

1861 bis 1864 ließ Baron Eduard von Todesco von den Architekten Ludwig von Förster (1797-1863) und Theophil von Hansen (1813-1891) einen großen Repräsentationsbau in der Kärntner Straße 51, an der Stelle des alten Kärntner Tores, errichten. Der Platz, dem Opernhaus gegenüber gelegen, konnte kaum besser gewählt werden. Sein Bruder Moriz baute nebenan, in der Walfischgasse 4, ebenfalls ein Palais. Es wurde am 12. März 1945 durch einen Luftangriff zerstört.

Die Inneneinrichtung des Palais von Eduard Todesco wurde im wesentlichen von Theophil von Hansen ausgeführt, der ein Gesamtkunstwerk, in dem Architektur, Malerei, Bildhauerei und Kunsthandwerk eine ästhetische Einheit bilden sollten, schaffen wollte. Das gelang ihm am besten in der Beletage mit der Wohnung des Hausherrn und dem großen Festsaal.

Speisesaal Decke

Speisesaal: Decke. Im Zentrum: Das Urteil des Paris

Am 4. Mai 1864, anläßlich der Verlobungsfeier Fanny Todescos, wurden die Salons zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Die Wiener Tageszeitung ‚Der Botschafter’ berichtete am 5. Mai 1864 unter der Rubrik ‚Tagesneuigkeiten’: „Gestern wurden die Salons im Palais Todesco eröffnet. Man feierte die Vollendung des neuerbauten, von Hansen und Rahl künstlerisch ausgeschmückten Hauses und die bevorstehende Vermälung der Tochter des Herrn Eduard Ritter von Todesco mit Herrn Henry Worms. Die glänzenden Appartements wurden von allen Anwesenden, deren Zahl wohl an 500 betragen hat, bewundert. Man anerkannte den seltenen Verein von Pracht und künstlerisch vollendetem Geschmacke in der Dekorirung. Die Kunst verlieh auch in anderer Beziehung dem Abende Reiz. Frau Rettich und Frau Haizinger, dann Herr Beckmann sprachen ernste und heitere Worte, die in Bezug zu dem Sinne des Festes standen, Fräulein Artôt, dann die Herren Everardi und Fioravanti erfreuten durch Gesang und Hr. Tausig durch sein Klavierspiel die Anwesenden. Aus der Zahl der Letzteren nennen wir: die Herren Minister Schmerling, Lasser, Hein und Plener, den Grafen Wickenburg, den englischen Botschafter Lord Bloomfield, den niederländischen Gesandten Baron Heeckeren, den badischen Gesandten Baron Edelsheim, den schweizerischen Geschäftsträger v. Steiger, Baron J. Kalchberg, Statthalter Graf Chorinsky, Sektionschef v. Lewinsky, Baron Rothschild und fast sämmtliche Repräsentanten der ersten Wiener Bankhäuser und Institute; Bauernfeld, Kuranda, La Roche, Prof. Unger, Prof. Hanslik, Ed. Mautner, Rahl, Hansen, Lewinsky, Dessof, Hellmesberger u.s.w. Die Gesellschaft war sehr animirt und man blieb bis gegen ein Uhr beisammen. Nach dem Konzerte wurde das Souper an in jeder Beziehung geschmackvollen Buffets eingenommen, die unter „persönlicher Leitung“ des Herrn Franz Hauptmann arrangirt waren.“

In den kassettierten Decken sind Gemälde von Carl Rahl und dessen Schüler Gustav Gaul eingelassen. In der Mitte befindet sich eine Darstellung des Urteils des Paris, in den Ecken die vier Sibyllen. Die Wände sind mit Scenen aus dem Leben des Paris bemalt. Die Themen sind, nach den Bildunterschriften:

Hirten finden den ausgesetzten Knaben von einer Bärin gesäugt
Paris‘ Liebesbund mit Oenonen
Paris beschützt Hirten und Heerden gegen Räuber
Oenone verflucht den um Rettung flehenden Paris
Cassandra erkennt in Paris ihren Bruder

Entfuehrung Helenas

Helenas Entführung durch Paris
Herophile weissagt Troias Untergang durch Paris
Achill wird auf Apollos Geheiß von Paris getötet
Paris wird von Philoctet in der Schlacht verwundet

Tanzsaal

Tanzsaal

In der Beletage ihres Palais unterhielt Eduard von Todescos Gemahlin Sophie, geb. Gomperz, einen illustren Salon, in dem Künstler, Gelehrte und Personen der Wiener Gesellschaft verkehrten. Hier fand 1892 auch der junge Hofmannsthal Zugang, eingeführt durch seinen Freund Felix Oppenheimer, ein Enkel der Baronin Todesco, Sohn ihrer Tochter Gabriele (Yella), die seit ihrer Scheidung von Ludwig Freiherr von Oppenheimer, 1883, wieder in ihrem Elternhaus, dem Palais Todesco, wohnte. Im selben Haus lebte außerdem die Familie des Bruders Sophie von Todescos, Max Ritter von Gomperz, mit seinen Kindern Philipp, Marie und Cornelie (Nelly). Mit allen schloß Hofmannsthal bald Freundschaft. In dem Salon, in dem er u.a. Ferruccio Busoni, Anton Rubinstein und Franz Lenbach kennenlernte, fühlte sich Hofmannsthal zu Hause. Leopold Andrian schreibt darüber 1893 in seinem Tagebuch: "frage ich ihn <Hofmannsthal> nach dem Salon Todesco – und mit seiner unruhigen, zappelnden Redeweise – dabei sagt er immer: Nur keine Nervosität Kind – meint er: weißt Du, der Salon Todesco ist sehr angenehm – man ist ganz ungênirt – so angenehm – nicht ganz Ronacher und nicht ganz Salon – und man kann über alles reden – Weißt Du, so wie ich Dir halt sagen würde, komm um die und die Stund ins Café Central, da plauschen wir, so sag ich halt komm zu Todesco" (TB Andrian, S. 6).

Es ist wohl auch ein Schuß Prahlerei in dieser Äußerung Hofmannsthals, die Andrian eben darum vermerkt. Familiärer als im Salon Todescos fühlte sich der junge Dichter sicherlich in den Salons der Familien Oppenheimer und Gomperz im gleichen Haus. Hier traf er mit Personen seiner Generation zusammen. Durch Marie und Nelly Gomperz lernte er deren Cousine Lili von Hopfen, die Tochter des damals populären Dichters Hans von Hopfen, kennen. Lili heiratete später, nach einer unglücklichen Ehe mit dem Maler und Bildhauer Moritz Geyger, den Dirigenten und späteren Direktor der Wiener Hofoper, Franz Schalk. Zwischen ihr und Hofmannsthal entstand eine innige Freundschaft, die ein Leben lang hielt, anders als die kurzzeitigen Flirts mit Marie von Gomperz, Gertrud (Trudl) Auspitz und Henriette von Lieben, deren Bekanntschaften er ebenfalls im Palais Todesco machte, ebenso wie die von Alice Morrison, deren Extravaganz wir das ‚Lebenslied‘ verdanken (s. SW I 295f.). Auch Robert von Lieben, Bruder der Henriette, lernte er hier kennen. Auf den früh verstorbenen Erfinder und Naturforscher, der als Zwölfjähriger bereits das Palais Todesco elektrifiziert hatte, verfaßte er 1913 einen Nachruf. Ebenso verdankte er die Bekanntschaft des Maler Emil Orlik Marie von Gomperz, deren Familie den Künstler besonders förderte.

In die Literatur eingegangen ist das Palais Todesco durch Hofmannsthals ‚Prolog und Epilog zu den Lebenden Bildern‘, die im Februar 1893 in der Wohnung von Yella Oppenheimer aufgeführt wurden. Er selbst trat auch auf, im letzten Bild, das einen Hochzeitszug nach Frederik Hendrik Kämmerer darstellte. (SW I 38-41; 199f.; HJb 7/1999, S. 14-18)

Durch seine Beziehungen zu den im Palais Todesco lebenden Familien wurde Hofmannsthal auch in die Familien Lieben, Auspitz, Prof. Theodor Gomperz und, nicht zuletzt, Wertheimstein eingeführt.

Im Nachlaß Hofmannsthals finden sich Aufzeichnungen aus dem Jahr 1895 mit dem Titel ‚Familienroman‘, die das Schicksal der Familie Eduard Todescos, ausgehend von seinem Sterben, zum Inhalt haben. Sie werden im Band XXXVII der Kritischen Hofmannsthal Ausgabe publiziert werden.

Tuer des Tanzsaals

Tür des Tanzsaals

Am 5. Mai 1864 schreibt die Wiener ‚Neue Freie Presse’ über die erste öffentliche Vorstellung der Salons anläßlich der Verlobung Fanny Todescos mit Henry Worms:
„Gestern wurden die Salons im Palais Todesco eröffnet. Man feierte die Vollendung des neuerbauten, von Hansen und Rahl künstlerisch ausgeschmückten Hauses und die bevorstehende Vermälung der Tochter des Herrn Eduard Ritter von Todesco mit Herrn Henry Worms. Die glänzenden Appartements wurden von allen Anwesenden, deren Zahl wohl an 500 betragen hat, bewundert. Man anerkannte den seltenen Verein von Pracht und künstlerisch vollendetem Geschmacke in der Dekorirung. Die Kunst verlieh auch in anderer Beziehung dem Abende Reiz. Frau Rettich und Frau Haizinger, dann Herr Beckmann sprachen ernste und heitere Worte, die in Bezug zu dem Sinne des Festes standen, Fräulein Artôt, dann die Herren Everardi und Fioravanti erfreuten durch Gesang und Hr. Tausig durch sein Klavierspiel die Anwesenden. Aus der Zahl der Letzteren nennen wir: die Herren Minister Schmerling, Lasser, Hein und Plener, den Grafen Wickenburg, den englischen Botschafter Lord Bloomfield, den niederländischen Gesandten Baron Heeckeren, den badischen Gesandten Baron Edelsheim, den schweizerischen Geschäftsträger v. Steiger, Baron J. Kalchberg, Statthalter Graf Chorinsky, Sektionschef v. Lewinsky, Baron Rothschild und fast sämmtliche Repräsentanten der ersten Wiener Bankhäuser und Institute; Bauernfeld, Kuranda, La Roche, Prof. Unger, Prof. Hanslik, Ed. Mautner, Rahl, Hansen, Lewinsky, Dessof, Hellmesberger u.s.w. Die Gesellschaft war sehr animirt und man blieb bis gegen ein Uhr beisammen. Nach dem Konzerte wurde das Souper an in jeder Beziehung geschmackvollen Buffets eingenommen, die unter „persönlicher Leitung“ des Herrn Franz Hauptmann arrangirt waren.“

 

Fotos: Konrad Heumann

Literatur: Josefine Winter: Fünfzig Jahre eines Wiener Hauses. Wien, Leipzig: Wilhelm Braumüller 1927.
Renate Wagner-Rieger, Mara Reissberger: Theophil von Hansen. = Die Wiener Ringstraße. Bild einer Epoche. Hrsg. v. Renate Wagner-Rieger. Bd VIII: Die Bauten und ihre Architekten. 4. Wiesbaden 1980.