Manfred Dickel

„Ein Dilettant des Lebens will ich nicht sein“. Felix Salten zwischen Zionismus und Jungwiener Moderne.

Heidelberg (Universitätsverlag Winter) 2007 (= Jenaer Germanistische Forschungen. Neue Folge. Band 23).

Die sozialhistorische Forschung über die Habsburger Monarchie im 19. Jahrhundert hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten mit bemerkenswerter (und zum Teil auch kontroverser) Intensität den Fragen jüdischen Selbstbewusstseins innerhalb dieses kulturellen Raums, der von Akteuren, Mäzenen und einem verständigen Publikum von jüdischer Herkunft zu einem wesentlichen Teil geprägt war, zugewandt. Ergebnis dieser Forschung ist die Entdeckung eines „jüdischen Wien“, eine Infragestellung des lange Zeit  unproblematisch geltenden Assimilationsparadigmas.

Die literaturwissenschaftliche Arbeit über die Wiener Moderne um 1900 hat davon noch wenig Kenntnis genommen. Die vorliegende Studie gibt in ihrer Einleitung einen Überblick über die Entwicklung dieser Forschungsrichtung und versucht mit umfangreichem, bisher wenig beachteten autobiografischem Material die unterdrückte Spannung von ideologischen und gesellschaftlichen Elementen im bürgerlichen Milieu Wiener Juden um 1900 zu erhellen.

Felix Saltens Biografie offenbart diese Mehrdeutigkeiten und Interferenzen in  aufschlussreicher Form. Die Familie, von einem Tag zum anderen faktisch proletarisiert, versucht bürgerlich – assimilative Maßstäbe hilflos hochzuhalten. Salten versagt, innerhalb dieses Milieus ein zweites Desaster, auch am Gymnasium. Aus einer entgleisten Sozialisierung entwickelt er eine autodidaktisch geprägte Lebensphilosophie, die, auf Wirksamkeit als zentralem Wert gerichtet, sich auf vielerlei Bündnisse und Wertorientierungen festlegen ließ. Eine gestückelte Biografie also, die sich aus verschiedenen und oft einander widersprechenden Rollen gestaltete: als Mitglied der ästhetizistischen Jungwiener Moderne, als Journalist in der liberalen Presse als Agitator für Herzls Zionismus, als österreichischer PEN-Präsident schließlich, der in Verdacht von NS-Sympathien geriet. Das Misstrauen verfolgte ihn bis in sein Schweizer Exil und, so scheint es, bis heute literaturgeschichtlichen Kommentaren zu Werk und Person.