MAYA RAUCH

(15.2.1925–4.8.2008)

In einem Beitrag für die Hofmannsthal-Blätter hat Maya Rauch einen versteckten Bezug zwischen der Entstehung des Chandos-Briefs und der Geburt von Hugo von Hofmannsthals erstem Kind, Christiane, bemerkt und gezeigt. Eine ähnliche Verknüpfung mag man in ihrem eigenen Leben finden; sie hat das gelegentlich selbst so gesehen. Als erstes Kind von Hofmannsthals Schwiegersohn Heinrich Zimmer wurde sie in dem Jahr geboren, in dem dieser sein erstes und wohl wichtigstes Buch vollendete, ‚Kunstform und Yoga im indischen Kultbild’ Einige Jahre später erschien ‚Maya. Der indische Mythos’ – Maya bedeutet göttliche Kraft.

Schon früh bedurfte Maya Rauch solcher Kraft. Heinrich Zimmer emigrierte 1939 nach England, dann nach New York, wo er starb, als sie achtzehn Jahre alt war. Ihr Ziehvater, der Maler Eugen Esslinger, jüdischer Abstammung, ging ins Schweizer Exil, er starb dort 1944. Die schulische und akademische Ausbildung erwies sich aufgrund dieser Umstände und angesichts der Kriegssituation als schwierig, mehrmals wurde sie durch die Aufnahme praktischer Tätigkeiten unterbrochen. Immerhin konnte Maya an dem anregenden geistigen Leben in Heidelberg teilnehmen; ein Jahr lang lebte sie im Hause von Karl Jaspers. Nachdem sie sich zunächst für ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität Heidelberg entschieden hatte, wechselte sie 1950 nach Zürich, um dort Anglistik und Germanistik zu studieren. Von 1953 bis 1955 folgte ein Aufenthalt in England. 1966 wurde sie mit einer komparatistischen Arbeit bei Emil Staiger promoviert. Schon während ihres Studiums und danach bis zu ihrer Pensionierung war sie als Deutschlehrerin tätig. Ihre Schüler und Kollegen erinnern sich ihrer in Herzlichkeit.

Es lag nahe, dass Maya Rauch als Tochter ihres der Familie des Dichters so eng verbundenen Vaters und zugleich als Studentin und Lehrerin der Literaturwissenschaft sich für das Werk und die Gestalt Hugo von Hofmannsthals interessierte – ein Interesse, das zudem von intuitiver Zuneigung und großem Kenntnisreichtum geprägt war. Seit den achtziger Jahren besuchte sie regelmäßig die Tagungen der Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft; aufmerksam verfolgte sie deren Publikationen, an denen sie mit eigenen Beiträgen teilnahm. Nach ihrer Pensionierung widmete sie sich zunehmend der Betreuung des Nachlasses ihres Vaters. Bis in ihre letzten Lebenstage arbeitete sie an der Kommentierung seiner umfangreichen Korrespondenz, zuletzt beschäftigte sie sich dabei vor allem mit den an ihre Mutter, Mila Esslinger-Rauch gerichteten Briefen. Sie wusste, dass nur sie selbst diese Arbeit leisten konnte und dass die Briefe geeignet waren, eines Tages die Grundlage für eine Biographie Heinrich Zimmers zu bilden. Eigene Ambitionen hat sie dabei nicht verfolgt.

Von großer Bedeutung sind Maya Rauchs Forschungen zur Geschichte des Hofmannsthal-Nachlasses und der frühen Editionen nach Hofmannsthals Tod. Aus den von ihr veröffentlichten Dokumenten zu diesem Thema lässt sich ermessen, wie viel die schon wenige Monate nach dem Tod des Dichters einsetzenden Publikationen aus dem Nachlass der Initiative und Tatkraft Heinrich Zimmers verdanken – vom ‚Andreas’-Fragment im ersten Heft der ‚Corona’ bis zu der im Bermann Fischer Verlag erschienen Briefausgabe – sechs oder sieben Bände, dazu eine Reihe von Erstpublikationen in Zeitschriften. In Briefwechseln Heinrich Zimmers mit Max Mell, Rudolf Alexander Schröder, Karl Wolfskehl, Ernst Kommerell, Peter Suhrkamp, Walther Brecht, Herbert Steiner und anderen, aus denen sie zitiert, kann man die Entstehung dieser Veröffentlichungen, die vor allem auch ein Vorgang der Bewahrung war, nachvollziehen. Man sieht, dass der eigentliche Herausgeber, der allerdings drauf verzichtete, als solcher genannt zu werden, in den meisten Fällen Heinrich Zimmer war. Eine hervorragende Rolle spielte bei alledem, wie Maya Rauch zeigen konnte, auch Christiane Zimmer. Maya Rauch hat (gemeinsam mit Gerhard Schuster) Hofmannsthals Briefe an seine Tochter und deren Tagebücher aus den Jahren, in denen sie ihrem Vater auch als Mitarbeiterin nahestand, herausgegeben. Auch hier lässt sich ersehen, mit welcher Treue – und welcher Sachlichkeit – Hofmannsthals literarisches Vermächtnis von seinen unmittelbaren Nachfahren verwaltet und weitergegeben wurde. Maya Rauch hat diese Tradition auf diskrete Weise fortgesetzt, auch ideell. Treue und Diskretion waren für sie gelebte Begriffe. Ihre Freunde wussten aber auch ihren Sinn für Humor und Selbstironie zu schätzen.

Vor zwei Jahren, als die letzten bis dahin noch im Besitz der Erben Hugo von Hofmannsthals befindlichen Werkmanuskripte dem Freien Deutschen Hochstift übergeben wurden, war sie noch dabei. Wenige Monate vor ihrem Tod wurde Maya Rauch die Mitgliedschaft im Ehrenrat der Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft angetragen. Sie hat sich darüber gefreut. Am 4. August ist sie in Zürich gestorben.

Leonhard M. Fiedler