Alice Morrison

geb. de Worms, verw. Warner (1865-1952)

 

 

Alice Morrison in Hoftracht

 

Als Hofmannsthal im Jahr 1892 durch Felix Oppenheimer, den er in der berühmten Fechtschule des Johannes Hartl in Wien kennengelernt hatte, ins Palais Todesco eingeführt wurde, lernte er auch Alice Morrison kennen. Die damals 27jährige Enkelin der Hausherrin, Sophie Todesco, hatte zu diesem Zeitpunkt gerade zum zweiten Mal geheiratet, David McLaren Morrison, einen Freund ihres ersten Mannes, der im Jahr zuvor verstorben war. Sie galt als große Schönheit, exzentrisch und sehr verträumt. Hofmannsthal war vom ersten Augenblick an von ihrer Persönlichkeit und ihrem Schicksal fasziniert. Da sie mit ihrem ersten Mann eine Zeitlang in Indien gelebt hatte, verknüpfte er mit ihrer Person die Vorstellung einer märchenhaften exotischen Welt.

Im November 1893 charakterisiert er sie folgendermaßen:
„Alice Morison; diese königliche schlanke englisch-arabische Schönheit; Das ergebene, müde Sprechen und die demüthige Kopfhaltung mit nachdenkenden suchenden Augen beim zuhören;
kein Schmuck; nur ein rother Sammtreif im Haar mit einem einzigen Billantstern;
der japanische kleine affenartige Sazumahund.
Helden, geistige Grösse, grosse Schicksale, das einzige was sie anzieht; nie eine subiective Beziehung zu dem Stoff; Savonarola, Spinoza, der Student Sand, Gordon in Chartum“

Alice Morrison muß Hofmannsthal in mehrfachen Gesprächen viel über ihr früheres Leben und ihre Stimmungen erzählt haben.
„Wie ihr erster Mann ihr sagt, dass er bald wird sterben müssen. Vorher prüft er sie.“ - „Am blauen Meer, in der Nacht. eine Veranda. rothe japanische Lampions.
Das Beben das durch ihre schlanke weisse Gestalt geht und draussen durch die schlanken Palmen
ihre tödtliche Angst: das ist doch nicht möglich! dieses rothe Licht soll weiterbrennen und Dein Leben auslöschen.“
Dies alles vermerkt er 1895 in Aufzeichnungen zu einem ‚Familienroman' über das Schicksal der Familie Todesco, in der Alice Morrison als „Einzelschicksal“ eine Rolle spielen sollte.

Gleichzeitig hielt die junge Frau aber eine Distanz zu dem noch jüngeren Dichter aufrecht, durch die sie ihm als „traurige Hoheit, kühl, abgeschlossen“ erschien. Dieses geheimnisvolle Oszillieren zwischen Nähe und Ferne machte sie ihm umso interessanter und beflügelte seine Phantasie, so daß er gleich nach ihrer ersten Bekanntschaft ein Prosagedicht um sie zu weben begann, zu dem er im November 1892 unter dem Titel ‚Träumerei u. Träume' notierte: "Alice Morrison als Gespenst einer Prinzessin in einem Schloss; ihre schlanke Hoheit, ihr Nicken, ihr Zuhören, ihr Niederknieen, mit dem Hund zu spielen. Erinnerungen an † Mrs. Acton-Gablenz: Verhältniss zum Mann  Sie umgeben mit einem ganzen Gastmahl von Gespenstern, die eine geheimnissvolle orientalische Sprache sprechen; aber europäische Kleidung" (SW XXIX 228,1-7).

 

1896 verfaßte Hofmannsthal eines seiner berühmtesten und rätselhaftesten Gedichte, das ‚Lebenslied'. Ein Brief von Heinrich Gomperz, Sohn des Altphilologen und Bruders der Sophie Todesco, Theodor Gomperz, nach dem Tode von Hofmannsthal an dessen Schwiegersohn Heinrich Zimmer, klärt die reale Grundlage dieses Gedichtes auf und erhellt den ungeheuer inspirierenden Einfluß Alice Morrisons auf Hofmannsthal. Heinrich Gomperz schreibt: „Hofmannsthal erzählte mir, daß ihm meine Cousine Alice Morrison (die ältere Schwester von Connie Löwenstein), die in ihrer Jugend eine strahlende und vielgefeierte Schönheit war, folgendes erzählte: Sie lebte einige Jahre in Indien, wo ihr Mann Fabriksdirektor war. Eines Abends waren sie bei einer hochgestellten oder sehr reichen Persönlichkeit geladen, die ein palastartiges Gebäude bewohnte, dem ein eigener Tierpark angeschlossen war. Es war ein sehr heißer Abend und Alice trat auf einen Altan hinaus, von dem aus man in den Tierpark hinabsah. Unten sah man in unbestimmten Umrissen allerlei Getier - Vögel, Vierfüßler und Kriechtiere, die sich in der warmen Abendluft hin und her bewegten. Unter dem Eindruck der Wärme, der Nachtstimmung und dieses Anblicks überkam sie ein so heftiges mystisch-pantheistisches Gefühl der Allverbundenheit, daß sie in einem Drang, sich all diesem Leben noch inniger zu verbinden, ein Flakon öffnete, das sie von ihrer Großmutter (Sophie Todesco) ererbt hatte, und ein als besonders kostbar geltendes Parfum, das darin geborgen war. auf die Tiere hinabträufelte. Unter dem Eindruck dieser Erzählung habe er das Gedicht verfaßt, das also - und das ist eben das Merkwürdige - den zugrundeliegenden Tatsachen fast wörtlich entsprach; denn die Erbin hatte wirklich das Salböl der toten alten Frau an Vögel und Vierfüßler verschwendet. Ich kann mich noch erinnern, daß mir der Dichter das so ungefähr mit den Worten erzählte: ‚Ich weiß gar nicht, warum die Leute das so unverständlich finden: es hatte mir eben Mrs. Morrison das folgende erzählt...’

Im selben Jahr, im Sommer 1896, entstanden Notizen zu einer geplanten Erzählung ‚Der Schlossbrand'. Darin sollte Alice Morrison das Vorbild der Schloßherrin abgeben (SW XXIX 85,28).

Alice Morrison lebte auch mit ihrem zweiten Mann zeitweilig in Calcutta, dann in Kepwick (England). Sie hatte zwei Töchter Esther und Theodora. Das folgende Gedicht verfaßte sie zur Geburt ihrer Tochter Esther. Es ist „A.M.M. / Calcutta, March 1899“ unterschrieben:

B A B Y  !

Thou sunbeam on my path of life
Thou joy before unknown,
Thou messenger in doubt and strife,
Of God's most sacred own.

A blossom wafted down to me
From purest realms above,
A blossom from His cherished tree
Symbol of His great love.

Oh child who came to me in pain
To raise me to His shrine,
Who knew with love my love to gain
In method so divine.

Child as I touch thy soft fair hair
And bless thee silently,
I would protect from every care
The head so dear to me.

Alas I cannot save thee from
The sorrow thou must wed,
Alas I cannot keep thee from
The path that thou must tread,

Alas thy tears I cannot spare
For grief that seems mine own,
Can but thy joys and sorrows share
In love so tender grown.

Can but my whole ability
Use all to be thy guide,
And then in deep humility
By His great laws abide.

Fanny Löwenstein, eine Nichte Alice Morrisons, lebte nach der Scheidung ihrer Eltern eine Zeitlang bei ihr. Sie kam als junges Mädchen nach Wien, wo sie Hofmannsthal mit dem jungen Kunsthistoriker Otto Nirenstein (1894-1978), der 1919 den Verlag ‚Neue Graphik' in Wien gegründet hatte, bekannt machte. Der Verleger suchte eine Sekretärin, die junge Frau eine Stelle. 1922 gründete Otto Nirenstein die Kunsthandlung ‚Neue Galerie' und heiratete seine Sekretärin Fanny Löwenstein. 1923 fügte er seinen Unternehmungen noch die ‚Johannes Presse' hinzu, in der u.a. im März 1925 Gedichte Hofmannsthals mit einer Titel-Lithographie von Hugo Steiner-Prag in einer Auflage von 33 Exemplaren erschienen. Otto Nirenstein, der sich später Kallir nannte, mußte 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen und kam über Paris nach New York. Hier eröffnete er die ‚Galerie St. Etienne', die sich auf den europäischen Expressionismus und die amerikanische naive Malerei (Grandma Moses) spezialisierte und erntete damit im Laufe der Zeit großen Erfolg und Ruhm. Sein Briefwechsel mit Hofmannsthal, ist in den ‚Hofmannsthal Blättern' 23/24 (1980/81) veröffentlicht. Er dreht sich in der Hauptsache um den Kauf eines Theaters in Wien durch Max Reinhardt. Otto Kallir und Hofmannsthal fungierten dabei als Unterhändler Reinhardts. Seinem Sohn John Kallir verdanke ich die hier beigefügten Fotografien sowie das Gedicht von Alice Morrison, seiner Tochter Evamarie Kallir ein informationsreiches Gespräch über ihre Großtante Alice, ihre Familie und deren Beziehungen zu Hofmannsthal, die sie aus den Erzählungen Ihrer Mutter erinnert.

 

Kepwick, der Wohnsitz
Alice Morrisons in England

 

Lebenslied

Den Erben laß verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau
Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau !

Die Toten, die entgleiten,
Die Wipfel in dem Weiten -
Ihm sind sie wie das Schreiten
Der Tänzerinnen wert !

Er geht wie den kein Walten
Vom Rücken her bedroht.
Er lächelt, wenn die Falten
Des Lebens flüstern: Tod!

Ihm bietet jede Stelle
Geheimnisvoll die Schwelle;
Es gibt sich jeder Welle
Der Heimatlose hin.

Der Schwarm von wilden Bienen
Nimmt seine Seele mit;
Das Singen von Delphinen
Beflügelt seinen Schritt:

Ihn tragen alle Erden
Mit mächtigen Gebärden.
Der Flüsse Dunkelwerden
Begrenzt den Hirtentag!

Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau
Laß lächelnd ihn verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau:

Er lächelt der Gefährten. -
Die schwebend unbeschwerten
Abgründe und die Gärten
Des Lebens tragen ihn.  zurück

 

Mit herzlichem Dank an
John Kallir, New York
Evamarie Kallir, Wien

er