Marie Therese Miller Gräfin Degenfeld

(14.1.1908-16.2.2005)

 

Mit tiefer Trauer nehmen wir den Tod von Marie Therese Miller, geb. Gräfin Degenfeld-Schonburg zur Kenntnis. Sie war die Tochter von Ottonie und Christoph Martin von Degenfeld-Schonburg. Zweieinhalb Monate nach ihrer Geburt starb ihr Vater, und sie lebte seitdem mit der Mutter bei ihrer ebenfalls früh verwitweten Tante Julie von Wendelstadt auf Schloß Neubeuern am Inn. 1932 heiratete sie den amerikanischen Diplomaten Ralph Miller und war fortan auf der ganzen Welt zu Hause, bis sie mit ihrem Mann ständigen Wohnsitz in Charlottesville, Virginia, U.S.A. nahm.

 

Marie Therese mit ihrer Mutter

 

Die Sommermontate verbrachte Marie Therese Miller-Degenfeld stets in Deutschland, auf dem zum Schloß gehörenden Gut Hinterhör und nach dessen Verkauf in einem Haus im nahe gelegenen Nußdorf am Inn. Hier lernte ich sie 1997 kennen, als ich nach Hofmannsthals Spuren in dem noch vorhandenen Teil der Bibliothek ihrer Mutter suchte. Sie nahm mich sofort gastfreundlich auf, gestattete mir und meinem Kollegen Konrad Heumann die Aufnahme und Fotografien der von Hofmannsthal mit Annotationen und Anstreichungen versehenen Bücher und seiner Widmungen. Diese und Hofmannsthal-Manuskripte aus ihrem Besitz stellte sie bereitwillig der Kritischen Hofmannsthal-Ausgabe zur Verfügung.

Überhaupt förderte sie das Andenken Hofmannsthals auf jede erdenkliche Weise. Sie war Ehrenpräsidentin der Hofmannsthal-Gesellschaft.

Auf eigene Kosten ließ sie den von ihr herausgegebenen Briefwechsel Hofmannsthals mit ihrer Mutter ins Englische übersetzen und ergänzte diese Ausgabe durch die in den deutschen Auflagen ausgelassenen Stellen. Diese Übersetzung überwachte und korrigierte sie persönlich. Gerne hätte sie auch eine Neuauflage der deutschen Ausgabe mit dem vervollständigten Text gesehen, doch es fand sich zu ihrem großen Bedauern kein Verlag, der dazu bereit war.

In Neubeuern versuchte sie nach Kräften, das Andenken Hofmannsthals lebendig zu halten. Im Internat des Schlosses verteilte sie jährlich in der Abschlußfeier von ihr signierte Exemplare des Briefwechsels Hofmannsthal-Degenfeld an die Abiturienten. Am Hofmannsthal-Fest der Neubeurer Hauptschule nahm sie lebhaften Anteil und war persönlich anwesend.

 

Marie Therese bei der Feier ihres 90. Geburtstages

 

Als ich ihr 1998 von unserem Projekt ‚Hofmannsthal online’ sprach, unterstützte sie dies nach Kräften. Das Titelfoto Hofmannsthals z.B. stammt aus ihrem privaten Album, ebenso wie die auf der Neubeurer Seite und hier veröffentlichten Fotos mit ihrer Mutter. Später stellte sie uns das Typoskript des ‚Gesprächs in Hinterhör’ zur Verfügung.

Sie war es, die mich schließlich dazu bewegte, die Neuherausgabe des Briefwechsels Hofmannsthals mit ihrem „Lieblingonkel“, wie sie immer betonte, Eberhard von Bodenhausen, in Angriff zu nehmen. Mit allen ihren Kräften unterstützte sie mich bei der Kommentierung. Bei unserer letzten Begegnung, im August 2004 in Nußdorf, reservierte sie mir einen ganzen Tag, beantwortete geduldig meine Fragen und erzählte viel aus ihren Erinnerungen. Ich ließ ihr den umfangreichen Text des Briefwechsels zur Durchsicht da. Nach weniger als 2 Wochen schon schickte sie ihn mir, mit ihren Anmerkungen versehen, zurück. Es war eine Unruhe und Ungeduld in ihr, diese Edition, an der ihr sehr viel lag, zu einem Ende kommen zu sehen. Sie konnte es kaum erwarten, den fertigen Band in der Hand zu halten, als ob sie ahnte, daß sie dies nieht mehr erleben würde.

Marie Therese Miller-Degenfeld war eine wunderbare Frau. Sie war überaus liebenswert, freundlich, unprätentiös, teilnehmend und strahlte im hohen Alter eine große Ruhe und Lebensfreude aus. Die Gebrechlichkeiten des Alters waren ihr fremd, und wenn einige da waren, so gelang es ihr gut, sie zu verstecken. Ihr Tod ist ein unendlicher Verlust.

Bad Nauheim, den 19. Februar 2005                                                                 Ellen Ritter