Der Maler Sebastian Isepp (1884-1954) als Vobild für
Hofmannsthals Schwierigen

Ellen Ritter, Bad Nauheim

©Navigare.de 01.2001

 

Ein zentrales Thema in Hofmannsthals Lustspiel Der Schwierige ist das Erlebnis des Verschüttetseins der Hauptfigur, Graf Hans Karl Bühl, als Soldat im ersten Weltkrieg.

Bereits in der 12 Szene des 1. Aktes wird darauf angespielt (KHA SW XII 44,28). Im 2. Akt, 14. Szene spricht Hans Karl selbst darüber: Dann war dieses Verschüttetwerden <...> Das war nur ein Moment, dreißig Sekunden sollen es gewesen sein, aber nach innen hat das ein anderes Maß. Für mich war's eine ganze Lebenszeit, die ich gelebt hab' <...> (ebd., S. 101f.). In den Notizen vom August 1917 wird das Ereignis erwähnt in N 116 (269,4), N 137 (281,9f.), N 138 (281,25), N 147 (289,25).

Der Moment der Verschüttung als Xiliasmus, Vollendung aller Vollendungen heißt es in N 137. Unter Chiliasmus (von griech. chilion = tausend) verstehen die Christen, nach der Apokalypse, die Wiederkunft Christi auf Erden und die Begründung des tausendjährigen Friedensreiches. Nach einem solchen Erlebnis der Vollendung ist ein Weiterleben in der Unzulänglichkeit des menschlichen Daseins nur schwer möglich. Das gilt auch für den Grafen Bühl, der die Nichtigkeit insbesondere der gesellschaftlichen Welt, in der er lebt, begreift und sich aus ihr zurückziehen will.

Für das Motiv der Verschüttung griff Hofmannsthal auf das tatsächliche Erlebnis eines ihm nahe stehenden Menschen zurück. Es war der Maler Sebastian Isepp, der im Weltkrieg als Soldat an der italienischen Front "lebensbedrohend verschüttet" wurde. Durch dieses Ereignis erfuhr sein Leben einen radikalen Bruch. Er gab seine erfolgreiche Karriere als Maler, der der Kunst Paul Gaugins und der ‚Nabis‘ nahe stand, auf und lebte nach dem Krieg als Restaurator und Ratgeber des Kunsthandels (Otmar Rychlik: Museum des Nötscher Kreises. Sebastian Isepp, Anton Kolig, Franz Wiegele, Anton Mahringer. Bd. I der Schriftenreihe des Museums des Nötscher Kreises. 1998: Verein des Nötscher Kreises, S. 10). Auch für Hofmannsthal war er in der Funktion des Beraters beim Verkauf von Kunstgegenständen tätig. Unter anderem entwarf er auch das Treppengelände in Hofmannsthals Rodauner Wohnhaus (Brief an Gerty von Hofmannsthal vom 9. Oktober 1919). Vor allem war er für ihn, neben einem guten Freund, der ideale Reisebegleiter. Dreimal begleitete er das Ehepaar Hofmannsthal nach Italien, jeweils im Mai1920, 1924 und 1929. Der aus Kärnten gebürtige Isepp war mit der Sängerin Helene Hammerschlag, Tochter eines Wiener Bankdirektors, verheiratet, die bei den Reisen 1924 und 1929 ebenfalls dabei war. Er starb 1954 in London, wohin er 1938, durch die jüdische Abstammung seiner Frau gezwungen, emigrierte.

Am 21. Juni 1929, ca. 3 Wochen vor seinem Tod, schildert Hofmannsthal in einem Brief an Carl Jacob Burckhardt seine zweiwöchige Reise durch Oberitalien und gibt eine Charakteristik seines Begleiters: Isepp ist eine unwahrscheinlich angenehme Gesellschaft. Alle diese komplizierten Ingredienzien: die bäuerische und doch vornehme Herkunft, die sorglosen Jugendjahre als armer Künstler und hübscher junger Mensch, die grausigen Schrecken von fünf Isonzoschlachten, Mut und Ausdauer und physische Angst bis fast zur Zerrüttung - Musikalität, ein zartes unendlich geübtes Auge, heute auch schon ein großes Wissen um die Kunst - ein Etwas von Bohème und ein Etwas von Weisheit - das Ganze ist wie ein unglaublich raffiniert gemischtes und dabei sehr leichtes Getränk. (BW 293)

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