Hugo von Hofmannsthals ‚Ein Brief‘

Joachim Seng, Frankfurt am Main

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"Zwischen finsteren und freundlichen Stunden, mitten in dem sonderbarsten Wechsel innerer Oede und plötzlich aufquellenden Reichthums, qualvoller Anspannung und verschlafenen Hindämmerns, ist, ganz nebenbei, dieser kleine Aufsatz entstanden, den ich im gleichen Couvert mitschicke. Er hat nicht die Praetension, eine dichterische Arbeit zu sein; mehr das Subiective, einigermaßen Tagebuchblatt-ähnliche, das ihm anhaftet, veranlasst mich, ihn zu schicken. Ich denke, dass vielleicht das, was er erzählt, dieses halbwegs Pathologische - aber welches Geistige, welches Gesteigerte, welches Phänomen der Seele überhaupt wäre nicht pathologisch, vom König Lear, ja von den Evangelien angefangen - Ihnen nicht ganz fremd ist." Wer würde heute vermuten, daß der Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Brief an Christiane Gräfin Thun-Salm vom 9. September 1902 (der Briefwechsel zwischen Hofmannsthal und der Gräfin Thun-Salm, hrsg. von Renate Moering, ist soeben im S. Fischer Verlag erschienen), von jenem fiktiven Brief spricht, der zu Recht als ein Schlüsseltext modernen Dichtungsverständnisses im ausgehenden 20. Jahrhunderts gilt: dem sogenannten Chandos-Brief. Am 18. und 19. Oktober 1902 war der Text unter dem Titel 'Ein Brief' in der großen Berliner Tageszeitung 'Der Tag' erschienen. So fand sich Hofmannsthals fiktiver Brief bei seiner Erstpublikation in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem politischen Artikel über den 'Zolltarif', den ein Mitglied des Reichstags verfaßt hatte. Welche Ironie: Das berühmte Dokument für die Sprachskepsis, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Literatur und Wissenschaft erfaßte, steht neben den hölzernen Phrasen der Tagespolitik.

Als Hofmannsthal im August 1902 den Brief des Lord Chandos zu Papier brachte, war er 28 Jahre alt und bereits ein bekannter Dichter. Am 1. Februar 1874 in Wien geboren, hatte er bereits als 16jähriger Gymnasiast seine ersten Gedichte unter dem Pseudonym "Loris Melikow" in Wiener Zeitungen publiziert. Seine Verse begründeten seinen frühen Ruhm ebenso wie die ersten Versdramen 'Gestern' (1891), 'Der Tor und der Tod' (1893) und das Bruchstück 'Der Tod des Tizian' (1894). Noch seine Eltern hatten ihn im Café Griensteidl, dem Literaten-Kaffeehaus der "Wiener Moderne", eingeführt und die älteren Dichter wie Hermann Bahr, Richard Beer-Hofmann und Arthur Schnitzler hatten schnell das junge Talent erkannt. Schnitzler notierte sich im März 1891 anerkennend: "Bedeutendes Talent, ein 17j. Junge, Loris (v. Hofmannsthal). Wissen, Klarheit und, wie es scheint, auch echte Künstlerschaft, es ist unerhört in dem Alter." Auch andernorts wurde man auf das junge Dichtergenie aufmerksam. Stefan George nahm Kontakt mit Hofmannsthal auf, in der Hoffnung, mit dem "Zwillingsbruder" eine "heilsame Diktatur" im deutschen Schrifttum ausüben zu können. Doch Hofmannsthal ging andere Wege. Ihm fehlte auch die Sicherheit, mit der George an seine Sendung glaubte. Schon in der Zeit seiner großen Erfolge als jugendlicher Dichter finden sich in seinem Werk sprachkritische Momente. Bereits 1895 kann man in seinem Aufsatz 'Eine Monographie' die folgenden Zeilen lesen, die vieles von dem vorwegnehmen, was er Jahre später im Chandos-Brief, freilich viel virtuoser und tiefer, formulieren wird: "Die Leute sind es nämlich müde, reden zu hören. Sie haben einen tiefen Ekel vor den Worten: Denn die Worte haben sich vor die Dinge gestellt. Das Hörensagen hat die Welt verschluckt. Die unendlich komplexen Lügen der Zeit, die dumpfen Lügen der Tradition, die Lügen der Ämter, die Lügen der einzelnen, die Lügen der Wissenschaften, alles das sitzt wie Myriaden tödlicher Fliegen auf unserem armen Leben." Und auch das eigene Schaffen erscheint ihm schon früh fragwürdig und gefährdet. Am 13. Oktober 1896 schreibt er an George: "...für wessen Dichtungen vermöchte ich mit Zuversicht und Glauben einzutreten, (...) solange mir jeder schlimme Tag diese Bestätigung verweigern kann, jeder Beweis einer inneren oder äußeren Unzulänglichkeit im Stande ist, mir für Monate die Gefaßtheit, ja die Sprache zu rauben?". Solche unproduktiven Arbeitsphasen durchlebte Hofmannsthal immer wieder, und immer konnten sie durch sehr produktive Perioden abgelöst werden.

'Ein Brief' aus dem Jahr 1902 wurde von vielen Interpreten als autobiographisches Krisendokument gelesen, doch hat der Initiator der Kritischen Hofmannsthal-Ausgabe, Rudolf Hirsch, mit Recht darauf hingewiesen, daß Hofmannsthal gleichzeitig 350 Verse der 'Elektra', Teile des Stückes 'Das gerettete Venedig' und schließlich 'Das Leben ein Traum' in den schönsten spanischen Trochäen schrieb. So ist er weder ein reines Selbstzeugnis des Dichters, noch das Dokument einer schwerwiegenden Schaffenskrise. Der Brief selbst, in seiner Großartigkeit und seiner reichen Sprache, ist gerade ein Beispiel gegen diese Ansicht. Am deutlichsten hat Hofmannsthal den Charakter des Briefes in einem Brief an Andrian erläutert, in dem es heißt: "ich schicke Dir diese Arbeit (...) weil sie, bei ihrer Kleinheit, wirklich fertig ist, während alle meine andern Arbeiten von denen ich Dir seit Jahren, bald klagend, bald hoffnungsvoll spreche, einigermaßen dem Gewebe der Penelope gleichen, an dem die Nächte immer wieder auftrennen, was die Tage gewebt haben; dann aber auch weil gerade dieser Arbeit, die keine dichterische ist, das Persönliche stark anhaftet und Du sie zum Teil wirst lesen können, wie einen von mir geschriebenen Brief, den Du auf dem Schreibtisch einer dritten Person gefunden hättest. Mir ist nun einmal keine andere Art, mich auszusprechen gegeben, als die, deren Medium die Phantasie ist, und darum sehne ich mich ja ganz besonders nach dieser Production: um auch gegen die Menschen, mit denen ich mich innerlich so sehr, manchmal in abmüdender Weise, in endlosen inneren Gesprächen, beschäftige, nicht ganz stumm zu erscheinen."

Der Brief ist fiktiv, ebenso jener Lord Chandos, der ihn schreibt, und doch verbirgt sich hinter dessen Maske der Dichter Hugo von Hofmannsthal, der nur im "Medium der Phantasie" Eigenes und Innerstes auszusprechen vermag. Sein Freund Andrian verstand nicht, daß Hofmannsthal ihm hier ein wesentliches Element seiner Dichtung offenbart hatte. Daher präzisiert Hofmannsthal im folgenden Brief noch einmal, worauf es ihm ankommt und erwähnt ein Buchprojekt zu dem auch der Chandos-Brief gehören sollte, und dem er den Titel 'Erfundene Gespräche und Briefe' geben wollte. Er schreibt: "Ich denke darin kein einziges bloß formales, costümiertes Totengespräch zu geben - der Gehalt soll überall für mich und mir nahestehende actuell sein - aber wenn Du mich wieder heißen wolltest, diesen Gehalt direct geben, so ginge für mich aller Anreiz zu dieser Arbeit verloren - der starke Reiz für mich ist, vergangene Zeiten nicht ganz tot sein zu lassen, oder fernes Fremdes als nah verwandt spüren zu machen." Wenn man um Hofmannsthals Absicht weiß, verwundert es nicht, daß er seinen fiktiven Lord Chandos nicht allein mit den Zügen Francis Bacons (an den der Brief ja adressiert ist) versah, dessen Essays Hofmannsthal im August 1902 gerade las, sondern ihm auch Zitate und Anspielungen Goethes, Novalis’, Spensers in den Mund legte, um so "fernes Fremdes als nah verwandt" erscheinen zu lassen. Auch der Einfluß von Fritz Mauthners 'Beiträge zu einer Kritik der Sprache' ist offensichtlich.

"Der Brief ist vielleicht eine Deiner schönsten Dichtungen. Überhaupt hat noch nie ein Dichter sich so tiefgreifend über die Probleme seines Berufs ausgelassen", schreibt Rudolf Alexander Schröder. Hofmannsthal muß es ähnlich empfunden haben, wenn er gegenüber Andrian betont, daß diese Arbeit "wirklich fertig" sei. Kaum ein weiteres Werk des Dichters wird sich anführen lassen, das von ihm in ähnlicher Weise charakterisiert worden wäre. Vielmehr kennzeichnet seine Werke das Fragmentarische, das er selbst als "eigentlich menschliches Gebiet" bezeichnete. Sein dichterischer Nachlaß, von dem sich heute ein großer Teil in der Obhut des Freien Deutschen Hochstifts - Frankfurter Goethe-Museums befindet, wo auch die Kritische Hofmannsthal-Ausgabe entsteht, die 39 Bände umfassen soll, gibt noch heute ein beredtes Zeugnis davon. Er besteht - die Tausende von Briefen nicht mitgerechnet - aus gut 20.000 zumeist handschriftlich beschriebenen Seiten, darunter einer Vielzahl von Notizen, Entwürfen, Varianten und Fragmenten, die von einem Lebenswerk zeugen, das, wie Rudolf Borchardt einmal feststellte, "auf der Geisterwelt der Entwürfe" beruht. Während sich zu den meisten Werken Hofmannsthals eine Menge von Entwürfen, verworfenen Szenen oder Blättern mit Gedankensplittern erhalten haben, galten Handschriften zum Brief des Lord Chandos lange als verloren. Erst 1968 fand sich in der Österreichischen Nationalbibliothek eine Reinschrift, die Rudolf Hirsch als Faksimile publizierte (Agora Verlag Darmstadt 1975).

Was Hofmannsthal in dem fiktiven Brief zur Sprache bringt, findet sich auch in anderen Dichtungen wieder. Er selbst hat die Verbindung zu seiner Gesellschaftkomödie 'Der Schwierige', zur 'Elektra' und zu seinem lyrischen Drama 'Der Tor und der Tod' gezogen. In keinem seiner Werke wird der Verlust der Fähigkeit "über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen" jedoch so konzentriert und eindringlich beschrieben wie hier. Lord Chandos ist die "Einheit" des Daseins zerbrochen. Sie zerfällt ihm in "Teile, die Teile wieder in Teile". Die vertraut geglaubte Sprache wird ihm fremd und unheimlich. Die Worte werden zu Wirbeln, "in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt". Selten ist sprachmächtiger über den Verlust der Sprache und den abgründigen Zweifel an ihr geschrieben worden. Vor allem die eindrucksvollen, ungeheuren Bilder, die der Dichter von der leidenden Kreatur entwirft, faszinieren noch heute. Jenes Bild, der in ihren Zierteich eingesperrten Muräne zum Beispiel, deren Tod den römischen Redner Crassus’ zu Tränen rührt, aber vor allem jenes der im Keller eingesperrten Ratten, die vergiftet werden sollen und deren Todeskampf sich plötzlich in einer furchtbaren Vision im Innern des Lord Chandos auftut: "Alles war in mir: die mit dem süßlich scharfen Geruch des Giftes angefüllte kühldumpfe Kellerluft und das Gellen der Todesschreie, die sich an modrigen Mauern brachen...". Es ist kein Zufall, daß Werner Kraft, der jüdische Dichter und Publizist, diese Stelle "wie eine rational unerklärbare Vorahnung der Gaskammern" empfand.

Der Lyriker Paul Celan, in dessen Werk die Kritik an der Sprache und die Suche nach einer wahrhaftigeren eine zentrale Rolle einnimmt, sprach davon, daß die Dichtung uns manchmal vorauseile. Dichtung wird bei ihm zur "Flaschenpost", die durch die Zeiten hindurch unterwegs ist, um irgendwann einmal, vielleicht an "Herzland" gespült zu werden. Hofmannsthals Brief des Lord Chandos ist eine solche "Flaschenpost". Der Dichter hat dies selbst so empfunden. 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, notiert er sich mit Bezug auf den Brief: "ähnlich das ganz leere addieren (ohne das erleben zu können) wieviel millionen in diesem Krieg fallen". In seinem fiktiven Brief warnt er auch vor der kalten Sprache der Wissenschaft, vor den Technokraten und Bürokraten, die ohne Herzen denken. "Durch die Vergröberung der Worte entsteht Vergröberung des Weltbildes", notiert er sich 1906, ohne zu ahnen, wohin die "Vergröberung der Worte" in diesem Jahrhundert führen sollte. Hofmannsthals 'Ein Brief' ist zweifellos zu einem poetischen Schlüsseltext des 20. Jahrhunderts geworden, der sich auch im neuen Jahrtausend seine Aktualität bewahren wird.

 

[aus: Büchner - Kulturanzeiger, Frankfurt am Main, Dezember 1999, S. 17-19]