Untersuchungen zur Poetik von Hugo von Hofmannsthals “philosophischer Novelle” Ein Brief

Vor nunmehr einhundert Jahren, am 18. und 19. Oktober 1902, veröffentlichte Hugo von Hofmannsthal in der Berliner Zeitung ‚Der Tag’ einen kleinen, gerade einmal zehn Seiten umfassenden Prosatext unter dem Titel Ein Brief. Dieser Text, nach dem Namen des Protagonisten auch bekannt als „Chandos-Brief“, hat seit seiner Publikation nicht aufgehört, seine Leser zu faszinieren und – mehr noch – ist zu einem, ja vielleicht zu dem zentralen Dokument der Wiener Moderne und der „Sprachkrise“ der Jahrhundertwende avanciert. Das bekannte Paradox, in das Lord Chandos verstrickt erscheint, wenn er – äußerst eloquent und ausführlich – in seinem Schreiben davon berichtet, ihm sei völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, „über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen“, hat die Aufmerksamkeit stets weit mehr auf das Moment der Krise als auf die sprachliche Form gelenkt, in welcher sie Ausdruck findet. Die jüngere Forschung machte zunehmend deutlich, daß es Hofmannsthal nicht um eine generelle Kritik geht, sondern um eine an der Wissenschaftssprache. Hieran anknüpfend versucht die Dissertation einen Neuansatz und stellt – um in der Metaphorik zu bleiben – vor die Diagnose zunächst die Beschreibung der Symptome, d. h. die Beschreibung der Sprache, in der die Krise artikuliert wird. Zu diesem Zweck werden – in synchroner Perspektive – der historische Rahmen untersucht, in den Hofmannsthal den Brief stellt (das Renaissance-England des beginnenden 17. Jahrhunderts), sowie – in diachroner Perspektive – die Beziehungen herausgearbeitet, die der Text zur Antike unterhält. Das genannte Paradox erscheint dabei als Ergebnis eines Konflikts zweier verschiedener Sichtweisen auf die Sprache, die sich mit der Opposition von “Bild” versus „Begriff“ umreißen lassen.

Zum geschichtlichen Hintergrund von Ein Brief gehört im engeren Sinn sein Adressat Francis Bacon, der bedeutendste Philosoph der Zeit und Begründer der neuzeitlichen Naturwissenschaften. Hofmannsthals historische Projektion läßt sich zunächst als ein Versuch verstehen, die Schwelle vom 16. zum 17. Jahrhundert mit der vom 19. zum 20. Jahrhundert in Beziehung zu setzen und damit die Kontinuität eines Bestands an Fragelasten zu suggerieren, der die europäische Geschichte seit der Renaissance begleitet. Als Hofmannsthal Lord Chandos im August 1603 seinen Brief an Francis Bacon schreiben läßt, ist nicht nur Königin Elisabeth I., unter deren Regentschaft England zu seiner ersten großen Blüte gelangte, gerade erst vor wenigen Monaten gestorben. Die andere große Herrscherin des britischen Weltreichs, Queen Victoria, die dem Empire seine nächste Blütezeit bescherte, starb im Jahr 1901 und damit kurz vor der Veröffentlichung von Ein Brief, zu einer Zeit also, da Bacons Ideen erneut Konjunktur hatten – sei es in den Angriffen Justus Liebigs, der Bewunderung Emil Dubois Reymonds, der Nachahmung in Kurd Lasswitz‘ Roman Apoikis (in Anlehnung an Bacons Utopie New Atlantis) oder einfach als Ausdruck eines unbändigen Fortschrittsvertrauens etwa bei Gerhart Hauptmann, der als bestimmendes Merkmal der Generation seiner Jugendzeit den Glauben „an den Sieg der Naturwissenschaft und damit die letzte Entschleierung der Natur“ nennt. Auch Fritz Mauthners ab 1901 erschienene Beiträge zu einer Kritik der Sprache, mit denen Hofmannsthal wohlvertraut war, wiederholen (wenn auch nicht unter ausdrücklicher Berufung auf ihn) Positionen Bacons.

Bacon will die Sprache, wie er sagt, von den Verunreinigungen der Geschichte „säubern“, um so dem Menschen die Gewalt über die Natur zurückzugewinnen, die er einstmals im Paradies als Namengeber aller Wesen und Dinge besaß. Den Weg zu diesem Ziel skizzieren gleich die ersten Aphorismen seines Hauptwerks, des Novum Organum. Um die Natur zu beherrschen, muß man sie erkennen. Man erkennt sie, indem man sich ihr unterwirft. Unterwerfen bedeutet, die Sinne und den Geist von allen Irrtümern zu reinigen, die der Natur des Menschen selbst inhärieren und die der Umgang der Menschen untereinander mit sich bringt. Selbsterkenntnis ist daher die Bedingung von Welterkenntnis und Naturbeherrschung; sie beruht auf der Einsicht in die Mangelhaftigkeit der Sinne und des Verstandes, die deren Angleichung an die Natur und damit wahre Erkenntnis unterbinden. Vornehmlich in der „Idolenlehre“, den im engeren Sinn „sprachkritisch“ zu nennenden Teilen des Novum Organum, unternimmt es Bacon, für diese von ihm immer wieder in Bildern der „Krankheit“ beschriebene Fehlerhaftigkeit „Heilmittel“ bereitzustellen. Naturbeherrschung und Ich-Ergründung treten in seinen Werken in eine Konstellation wechselseitiger Bedingtheit, wie sie vergleichbar in Hofmannsthals Epoche wiederkehrt. „Das 19. Jahrhundert“, so Peter Gay, „hat sich mit Leidenschaft, fast bis zur Neurose, ins Selbst vertieft. Gerade in jenen Jahrzehnten, in denen die Bürger den bis dahin beharrlichsten Versuch unternahmen, sich der Welt zu bemächtigen, haben sie der Selbstbeobachtung viel lust- und vielleicht noch mehr angsterfüllte Zeit gewidmet.“ Die wiederholte Selbstbefragung, die Chandos zu Beginn seines Schreibens unternimmt, das gescheiterte Projekt einer Enzyklopädie mit dem Titel „Nosce te ipsum“ sowie seine „Krankheit des Geistes“ deuten alle in die Richtung von Bacons Ausführungen zur Sprache.

Was es bedeutet, die Sprache von den Verkrustungen der Geschichte zu reinigen und sie zum Werkzeug eines gesunden Verstands zu machen, zeigt Bacon beispielhaft an den Mythenallegoresen seiner Schrift De Sapientia Veterum. Die dunklen und unverständlichen Fabeln der Antike sind ihm Ausfluß einer mangelhaft entwickelten Befähigung zur Reflexion. Ihre Weisheit, so sagt er, das, was sie eigentlich sagen wollen, sei wie unter einem „Schleier von Fabeln“ verborgen. Seiner Ansicht nach bedienten die Menschen früherer Zeiten sich ihrer, weil ihnen eine abstrakte Begrifflichkeit zur eindeutigen Formulierung der Sachverhalte, die nach Ausdruck verlangten, noch nicht zu Gebote stand: „So wie Hieroglyphen älter sind als Buchstaben, ebenso sind Parabeln älter als Argumente.“ Die bildhafte Form der ägyptischen Schriftzeichen steht für ihn in der Entwicklung des Denkens vor der logischen des Begriffs. Diese Ansicht klingt in den Worten des Lord Chandos an, der die „mythischen Erzählungen“ als „die Hieroglyphen einer geheimen, unerschöpflichen Weisheit“ aufschließen wollte, die „wie hinter einem Schleier“ verborgen liegen. Bacons auf Aristoteles zurückgehende Überzeugung, wonach die geistigen Kapazitäten der Menschheit erst allmählich und akkumulativ zu ihrer vollen Entwicklung gelangt sind und die Bildhaftigkeit von Dichtung als einer früheren Stufe zugehörig das Potential des Verstandes unterschreitet, hat nach ihrer Aufnahme durch Kant in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht eine breite Rezeption gefunden (beipflichtend wie distanzierend), so bei Jean Paul, Hamann, Herder und Schiller. Widersprochen hat beispielsweise Friedrich Hebbel; im Jahr 1841 notiert er im Tagebuch: „Jede Geisteskraft ist in bezug auf die übrigen beschränkend, aber nichts ist dies mehr, als der Verstand. Laut lachen mußte ich, als ich eben in Kants Anthropologie folgendes las: ‚Die alten Gesänge haben vom Homer an, bis Ossian, oder von einem Orpheus bis zu den Propheten, das Glänzende ihres Vortrags bloß dem Mangel an Mitteln, ihre Begriffe auszudrücken, zu verdanken.‘“ Hofmannsthal nahm diese Notiz in einem Anfang des Jahres 1902 gehaltenen Vortrag zustimmend auf und fand schließlich die von Hebbel inkriminierte Ansicht einige Monate später während der Arbeit an Ein Brief bei der Lektüre von Bacons Schriften wieder. Wie Hebbel lehnt er die aufklärerischem Entwicklungsdenken verpflichtete Prämisse der Dikta Bacons und Kants ab, die Menschheit müsse aus früherem Dunkel ins Licht der Verstandesklarheit geführt werden und Dichtung als Status einer vorbegrifflichen Zeit sei lediglich Ausfluß der Unfähigkeit zu philosophischer Terminologie im Sinne exakter Definitionen.

Die Rezeption des Chandos-Briefs traf vom ersten Leser an auf ein Miß- und Unverständnis gegenüber „Fabeln“ und „Geschichte“. Sie blieb damit wesentlich Prämissen verhaftet, die den von Bacon in seiner Philosophie entwickelten ähneln, die als Wissenschaftsphilosophie den geschichtlichen und metaphorischen Charakter und den damit gegebenen Verweisungsreichtum von Sprache, dem Hofmannsthals Interesse gilt, zugunsten einer abstrakten Begrifflichkeit auszuscheiden trachtet. Nachdem Hofmannsthal ein Exemplar des eben fertiggestellten Texts an Leopold von Andrian geschickt hatte, bemerkt dieser in seinem Antwortschreiben, „daß die dichterische Einkleidung, das Versetzen in die Englische Vergangenheit, mich nicht angenehm berührte“; demgegenüber fordert er von Hofmannsthal, „die Absicht, Dein Substrat“ herauszustellen und fügt hinzu, daß ihm „ein schlichter Bericht das passendste und auch wirkungsvollste gewesen“ wäre. Die Bildhaftigkeit erscheint als etwas bloß Akzidentelles, Ornamentales, das es abzustreifen gilt, um dahinter das „Eigentliche“ zu finden. Andrian zeichnet damit eine Meinung vor, die für die Rezeptionshaltung gegenüber Ein Brief lange Zeit bestimmend bleiben sollte. Gegen den Wunsch, er hätte seine „Reflexionen (...) direkt vorbringen sollen“, erwidert Hofmannsthal, er sei „wirklich vom entgegengesetzten Punkt“ ausgegangen. Zwänge man ihn, „diesen Gehalt direkt zu geben, so ginge für mich aller Anreiz zu dieser Arbeit verloren.“ Hier schließlich wird der Faden zur Antike geknüpft: „Ich blätterte im August öfter in den Essays von Bacon, fand die Intimität dieser Epoche reizvoll, träumte mich in die Art und Weise hinein, wie diese Leute des XVI. Jahrhunderts die Antike empfanden, bekam Lust, etwas in diesem Sprechton zu machen und der Gehalt, den ich, um nicht kalt zu wirken, einem eigenen inneren Erlebnis, einer lebendigen Erfahrung entlehnen mußte, kam dazu. (...) der starke Reiz für mich ist, vergangene Zeiten nicht ganz tot sein zu lassen, oder Fernes, Fremdes als nah verwandt spüren zu machen.“

Ausgehend von dieser Bemerkung sowie dem zuvor skizzierten problemgeschichtlichen Hintergrund von Bacons Philosophie arbeitet die Dissertation unter wechselnden Perspektiven die zahlreichen Beziehungen heraus, die Ein Brief – gegen den Augenschein des ersten Lektüreeindrucks, der lediglich einige eher beiläufig eingestreute Namen gibt – zur Antike unterhält. „Diese Leute des 16. Jahrhunderts“: das meint zunächst Bacon, der die Antike bekämpft, weil er in ihr nur abgelebte „Idole“ findet, und andererseits Chandos, der als (ehemaliger) Schüler des Philosophen in der Krankheit eine Bindung an die Endlichkeit des Daseins und damit ein Gespür für Vergangenheit und Vergänglichkeit erkennen läßt, die Bacon auf dem Weg zur Errichtung eines irdischen Paradieses überwinden will. Die zahlreichen Intertexte zur Literatur nicht nur der griechischen und römischen Vergangenheit, die die Dissertation vielfach erstmals nachweist, werden in ihrer Funktion für das Verständnis von Ein Brief erschlossen, indem sie als programmatische Umsetzung von Hofmannsthals Poetik erscheinen, die das Wesen von Sprache in deren Prägung durch Geschichte (und damit fern eines vagen, irrationalen Wortmystizismus) sieht. Die Bildhaftigkeit des Ausdrucks, mit der Ein Brief seine Leser konfrontiert, wird verständlich als Reaktion auf Bacons These vom vorbegrifflichen Status der mythisch-metaphorischen Sprache sowie ihrer philosophisch-literarischen Rezeption. Die Naturerlebnisse des Lord Chandos erscheinen zum Zeitpunkt der Krise vom wissenschaftlichen Ideal der Beherrschung denkbar weit entfernt, sie deuten vielmehr in eine Bacons Machtwillen durchaus entgegengesetzte Richtung. Den antiken Verwandlungsmythen, die Hofmannsthal an mehreren Stellen des Texts verarbeitet und die in der Dissertation ausführlich untersucht werden, kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Erschließungskraft zu.

Das Verständnis von Dichtung als „Nährboden der Philosophie“, wie Hofmannsthal beider Verhältnis in einer Aufzeichnung einmal charakterisiert, deutet jenseits aller Versuche zur Konstruktion einer geschichtslosen Idealsprache auf einen Impuls, der gegenüber den Termini der Philosophie die Unmittelbarkeit der Anschauung in der Poesie setzen will, der ferner gegenüber dem Begriff noch einmal in Stellung bringen soll, was sich ihm charakteristischerweise durch die Tätigkeit des Ausschließens termfremder Bestimmungen entzieht: nämlich den Blick auf die Fülle der Phänomene und deren beständige Metamorphosen.

 

Die Dissertation ist abgeschlossen und im Wilhelm Fink Verlag erschienen unter dem Titel:
Hofmannsthal: Ein Brief.

 

Timo Günther (1967)
Studium der Klassischen Philologie und Philosophie in Göttingen, Bologna und Berlin; Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes; Promotion in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft (FU-Berlin); Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Archiv für Antikerezeption in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 (FU-Berlin; homepage: http://userpage.fu-berlin.de/~antikewa/)

Z. Z. als Forschungsstipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der State University of Illinois at Urbana-Champaign (USA).

email: tguenthe@uiuc.edu