Eine Abendgesellschaft in Berlin im Jahre 1895

mitgeteilt von Christoph Clairmont, Ernen, Schweiz

©Navigare.de 9.1999

 

Der Verfasser des hier mitgeteilten Briefauschnittes ist Walter Gaulis Clairmont. 1868 in Liebling (Banat), Ungarn, geboren, verbrachte er seine Jugendjahre in Wien, seine Studienjahre in Freiburg i. Breisgau und Basel, wo er den Doktor der Chemie erwarb. Walter Clairmonts Familie stammte väterlicherseits aus England. Sein Großvater, Charles Gaulis Clairmont war 1825 als Professor der englischen Sprache nach Wien berufen worden. Walter gab seine britische Staatsangehörigkeit nie auf. Der Brief ist an seine Mutter, Ottilie Clairmont-von Pichler (1843-1913), Sternwartestraße 52, XVIIII Wien, gerichtet.

Nach seiner Promotion in Basel erhielt Walter Clairmont 1895 eine Anstellung in einem Berliner Chemiekonzern. 1898 arbeitete er in einem britischen Textilkonzern in Schlüsselburg bei St. Petersburg und sodann in Rouen (Frankreich). Ab 1903 leitete er die Geschicke der Neuen Augsburger Kattunfabrik (NAK) in Augsburg; seit 1922 als Alleinvorstand. 1937 trat er aus Gesundheitsrücksichten als Vorstand der NAK zurück. Er lebte dann in Gauting bei München, später am Genfersee und verstarb 1958 in Meran.

Im Vergleich mit seine Geschwistern Alma Crüwell-Clairmont und Paul Clairmont war Walter der am wenigsten an Kunst Interessierte. Almas Gemahl, Gottlieb Crüwell (1866-1931) war viele Jahre bis zu seinem Tod Direktor der Universitätsbibliothek in Wien. Ein Schauspiel von ihm, ‚Schönwiesen‘ (S. Fischer-Verlag, Berlin 1911), kam im Burgtheater zur Aufführung. Alma Crüwell, die Adressatin des Briefes, beschäftigte sich vor allem mit dem Nachlaß Claire Clairmonts, der Freundin von Shelley und Byron, und den Beziehungen zu diesem Kreis. Paul Clairmont war Cellist und spielte in einem Quartett. Einer seiner Lehrer im Medizinstudium war Theodor Billroth (1829-1894), der Arzt und Freund von Johannes Brahms.

Paul Clairmont 1898

Paul Clairmont im Jahr 1898

Der Name Clairmont ist im Leben Hugo von Hofmannsthals nicht unbekannt. Paul Clairmont (1875-1942), der Bruder von Walter, war Hofmannsthals Klassenkamerad im Akademischen Gymnasium in Wien. Im Sommer 1891 verbrachten Hofmannsthal und Paul Clairmont gemeinsame Tage in Salzburg, s. Hofmannsthal online: Mozart-Centanarfeier in Salzburg 1891 (©Navigare.de 9.1999).

Hier Walter Clairmonts Bericht aus Berlin. Die beschriebene Abendgesellschaft fand am 12. Dezember 1895 statt.

Schöneberg 15.12.95

..... Denke Dir eine Gesellschaft von circa 15 – 20 Köpfen seit 6 Uhr beisammen durch ein zweifellos gutes diner erheitert, dessen Abglanz noch von allen Gesichtern zu lesen war, jedes Mitglied auf irgend einem rechten oder fictiven Weg mit der Kunst liiert & in diese leiblich und geistig aufgeregte Menge trete ich um ˝10 Uhr mit aller Fabriks-nüchternheit. Frau Begas1 meint es wirklich gut mit mir, sie setzte mich in einen Topf blauen Blutes. – Es ist interessant wie sie ihre Bekannten classifiziert. Letztes Mal die künstlerische Bourgeoisie, heute die oberen Zehntausend, denen als Lockspeise einige illustre Namen vorgesetzt wurden; mit welchem Rechte ich dort wandelte ist mir eigentlich unklar. –

Frau Begas ist unglaublich gewandt und sicher, sie leitete diese etwas steife Gesellschaft sehr vollkommen und machte mich auch schnell bekannt. So nahm sie mich beim Arme & meinte, sie wolle sich jetzt orientieren, & führte mich vor jeden Herrn und begann mir in dessen Gegenwart eine förmliche Biographie zu geben; einer hatte drauf den gelungenen Einfall zu erwidern "Und wer sind Sie?" Worauf sie sich bückte, mit der Hand eine ganz unglaubliche Kleinheit andeutete & sagte: Ein Mann, den ich kenne, seitdem er so gross war.-

Diese biographische Einführung wurde bald durch einen neuen Ankömmling unterbrochen. –

Die Lockspeisen, von denen ich früher sprach, war Wildenbruch & Gemahlin.2 Er wie ein Polizei commissair aussehend, sie dick und plump & ich glaube fad. Er ist übrigens kein so sehr hervorragender Dichter, er hat jetzt eine Legende Claudia’s Garten herausgegeben, die ganz hübsch sein soll. – Eine wahre Lockspeise aber war Herr Dulong3, ein Deutscher der wunderbar sang. Das hätte Papi entzückt, mit seltener Weichheit. Ein Componist trug theils seine theils Nietzesche’sche (der Name ist so compliciert, wie die Werke) Compositionen auf dem Klavier vor, die aber gänzliches Fiasco erzielten. Der Arme tat mir leid; er hatte sich offenbar an die Schleppe der Adeligen geheftet, um vorwärts zu kommen & las sein Todesurtheil von ihren Mienen. Vielleicht ist es nicht so gefährlich, als ich es da schildere, aber er machte einen so unsicheren & ungewandten Eindruck, umsomehr als Dulong, der vor und nach ihm sang, neben seiner Stimme sicher auftrat.

Das Blaublut bestand aus Künstlern & solchen die es sein wollen; wo die Grenze lag, entzog sich meiner Beurtheilung. Von Namen verstand ich nur Graf Kessler, ein sehr netter älterer Herr4 & Baron Bodenhausen5, ein junger eingezogener Mensch, der in Berlin ein neues Kunstblatt ‚Pan‘6 herausgibt & oben genannten Componisten7 ins Schlepptau genommen. Die anderen waren ältere Herren, die alle höflich, & jüngere, die alle aufgeblasen waren. – Einer der letzteren amüsierte mich. Er begann die Conversation mit vier verschiedenen Menschen mit demselben Satz. –

Um 1 Uhr löste sich der Abend nicht ohne Aufregung, denn besagter Pan Redacteur war mit dem Paletot eines Grafen, den ein mächtiges Blech am Busen zierte, fortgegangen. – In der Suche nach dem Pan Überzieher erwischte auch er einen falschen & war eben im Begriffe wegzugehen, als ihn dessen Eigentümer attrapierte, was begreiflicher Weise Anlass zu unbändiger Heiterkeit gab. –

Unter den anderen erwähne ich noch einen jungen Maler, der sich als Vetter meines Dr. Oppenheim entpuppte.

Dies war also Donnerstag abend. – Ich kann nicht sagen, dass ich mich gerade amüsierte, aber es war doch anziehend. Es ist eine so grundverschiedene Gesellschaft, die dort verkehrt, zu der, die ich bis jetzt immer hatte, denn mit der Kunst stand ich bis jetzt auf keinem guten Fusse; das thut mir eigentlich mehr für Frau Begas, als mich selbst leid, denn sie gibt sich solche Mühe um mich, dass es ihre Sache erleichtern würde, wenn ich eine Kunst-ader besässe. Nur den wolwollenden Freund der Musen zu spielen geziemt wol dem Millionär und Aristokraten, aber keinem gemeinen Sterblichen. ....

Auch Harry Graf Kessler erwähnt diese Abendgesellschaft in seinem Tagebuch8. Als Gäste nennt er namentlich: Herrn u. Frau Wildenbruch, Herrn u. Frau Oriola, Geheime Rätin Abeken, Lynar, Bodenhausen, Dulong und Eichhorn.


(1)Die gebürtige Wienerin Luise Begas von Parmentier (1850-1920), seit 1877 mit dem Maler Adalbert Begas verheiratet, war Landschafts-, Blumen- und Architekturmalerin. Seit den 80er Jahren führte sie ihren Salon in der Genthinerstraße 3 in Berlin. (Petra Wilhelmy: Der Berliner Salon im 19. Jahrhundert (1780-1914). Berlin, New York 1989) 1905 wohnten Julius Meier-Graefe und Rudolf Alexander Schröder im Hause Begas (BW Hofmannsthal-Meier-Graefe). zurueck

(2)Ernst von Wildenbruch (1845-1909) und seine Frau Maria geb. von Weber (1847-1920?). Die Legende ‚Claudias Garten' erschien 1896. zurueck

(3)Der 1861 geborene Tenor Henry von Dulong. zurueck

(4)Unverständlicherweise bezeichnet Clairmont Harry Graf Kessler (1868-1937) als älteren Herrn. Kessler ist im selben Jahr wie Eberhard von Bodenhausen geboren. Hier muß eine Verwechslung vorliegen. zurueck

(5)Eberhard von Bodenhausen-Degener (1868-1918), dt. Industrieller u. Kunsthistoriker, Studienfreund von Harry Graf Kessler; seit 1897 mit Hofmannsthal bekannt und einer seiner intimsten Freunde. zurueck

(6)'Pan', Kunstzeitschrift (1895-1900). Redaktion: Otto Julius Bierbaum (1865-1910) und Julius Meier-Graefe (1867-1935). Das erste Heft erschien April 1895. Bodenhausen und Kessler waren unter den Genossenschaftern. Kessler war am 1. November 1894, im Salon der Frau Begas, von Meier-Graefe dafür angeworben worden (Tagebucheintrag, zitiert in: Harry Graf Kessler. Tagebuch eines Weltmannes. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar. Marbach a.N. 1988, S. 44). zurueck

(7)Laut Tagebucheintragung Kesslers war dieser selbst, nicht etwa Bodenhausen, schon am späten Nachmittag mit dem Komponisten Kögel unterwegs und brachte ihn auch zu Frau Begas mit. zurueck

(8)Tagebucheintragung vom 15. Dezember 1895. DLA Marbach. zurueck