Hofmannsthal in Neubeuern

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Julie von Wendelstadt, Ottonie (in einem Kleid von Mariano Fortuny) und Marie Therese von Degenfeld

Die Besitzer des Schlosses Neubeuern am Inn, in der Nähe von Rosenheim, waren Baron Jan Wendelstadt und seine Gemahlin Julie, geb. von Degenfeld-Schonburg, eine Schwägerin von Hofmannsthals Freund Eberhard von Bodenhausen-Degener. Dieser führte ihn am 1. Dezember 1906 dort ein.

Nach dem frühen Tod der Ehemänner (Christoph Martin Degenfeld 1908, Jan Wendelstadt 1909) wurde das Schloß von Julie von Wendelstadt, ihrer Schwägerin Ottonie von Degenfeld und deren am 14. Januar 1908 geborenen Tochter Marie Therese bewohnt. Bis zu ihrem Tod, 1915, lebte auch noch die Mutter der Julie Wendelstadt, Anna Gräfin Degenfeld-Schonburg, in diesem Frauen-Haushalt. Sie führten die gewohnte Gastlichkeit weiter. Berühmt waren die Silvesterfeiern, zu denen sich Verwandte und Freunde in Neubeuern versammelten und die Tage vor und nach Neujahr verbrachten. Eberhard von Bodenhausen mit seiner Familie, Harry Graf Kessler, Henry van de Velde mit Familie, Henry und Emmy von Heiseler, Grete Wiesenthal, Rudolf Alexander Schröder, Rudolf Borchardt, Alfred Walter Heymel, Rudolf Kassner, Théo von Rysselberghe, Fritz Behn, Annette Kolb sind nur einige der vielen Gäste. Von 1910 bis 1914 verbrachten Hugo und Gerty von Hofmannsthal die Jahreswenden regelmäßig in Neubeuern. Im Weltkrieg waren Besuche nicht möglich. Ab 1920 wurden sie wieder aufgenommen. Seit der Wiederverheiratung Julie von Wendelstadts mit Hans Wolfgang Herwarth von Bittenfeld, am 9. Dezember 1916 (1922 geschieden), besuchten sie das nahegelegene Gut Hinterhör der Gräfin Ottonie, denn mit dem neuen Schloßherrn vertrug sich Hofmannsthal nicht gut.

Mit Ottonie von Degenfeld, von der er schon vier Tage nach der ersten Begegnung, am 1. Dezember 1906, an Eberhard von Bodenhausen schrieb: die ist unglaublich nett! so etwas liebes gutes und Freudenmachendes. Mit der möchte man gleich ein Jahr allein auf einer wüsten Insel leben und sich nur von Möveneiern nähren, es müßte doch nett sein (BW, S. 188), verband Hofmannsthal ab 1908 eine besonders innige Freundschaft. Er verhalf der vom Schicksal hart getroffenen, schwer leidenden Witwe zu neuem Lebensmut. Der Briefwechsel zwischen beiden gibt ein eindrucksvolles Zeugnis davon.

Auch zu Arbeitsaufenthalten kam Hofmannsthal in das ruhige Neubeuern. Teile von ‚Cristinas Heimreise‘, von ‚Das Leben ein Traum‘, des ‚Schwierigen‘, des ‚Turm‘, des ‚Salzburger Großen Welttheaters‘ und der ‚Ägyptischen Helena‘ entstanden hier wie auch aus den Eintragungen im Gästebuch zu ersehen ist.

Eine Neubeurer Szene verwendet Hofmannsthal für den 2. Akt des ‚Unbestechlichen‘. Eines Tages hatte der Wind einige Manuskriptblätter aus dem Fenster seines Turmzimmers in den Garten geweht, und es kostete viel Mühe, sie wieder einzusammeln. Wer einmal auf Schloß Neubeuern war, Julie Wendelstadt hat dort ein Internat begründet, das noch heute besteht, wird viele Lokalitäten im ‚Unbestechlichen‘ wiedererkennen, vor allem besagtes Turmzimmer, aus dem Hofmannsthal am 6. Oktober 1910 an Helene von Nostitz schreibt: ...und wieder sitze ich in einem Turmzimmer, dieses schönen Schlosses hoch über dem leuchtenden Band des Inn, in dem gleichen stillen Turmzimmer, an dem gleichen Schreibtisch wie vor einem Jahr und tauche meine Feder in das gleiche Empireschreibzeug, desen Tintenfaß eine Urne ist, der zwei vergoldete Sphinxen mit unsäglich albernen Gesichtern und einem erstarrten Lächeln den Rücken kehren: da schrieb ich den zweiten Act der Cristina...(BW 94f.)

  Foto Turmzimmer

  Foto Tintenfass

 

Hofmannsthals Aufenthalte in Neubeuern und Hinterhör

Einträge in den Gästebüchern

1. Dezember 1906
27. Dezember 1908 - 3. Januar 1909
11.-22. Oktober 1909
1. Januar 1910
4.-16. Oktober 1910
28. Dezember 1910 - 9. Januar 1911
23.-28. April 1911
6.-18. Oktober 1911
28. Dezember 1911 – 11. Januar 1912
28. Oktober – 20. November 1912
29. Dezember 1912 – 6. Januar 1913
28. Dezember 1913 – 2. Januar 1914
2 – 7. Juni 1920
31. Juli – 19. August 1920
Der Schwierige Act III letzte Scene (L.e.Tr. Act I)
11. Juli – 13. August 1921 Der Turm IV. - Welttheater Scenen
14 – 18. Februar 1923
24. Februar – 1. März 1923
15. November – 6. Dezember 1923 Helena II. Act
17. August 1926
5. – 7. März 1928
15 – 17.
August 1928

 

 

Eintragung Hofmannsthals in das Gästebuch Neubeuern, 1. Januar 1909:

Der Dichter und das Fremdenbuch

(Ein Nachmittagstraum am Neujahrstag 1909)

Das Fremdenbuch liegt aufgeschlagen vor mir. Ich werde jedenfalls etwas hineinschreiben. Sei es was es sei. Ich muß ja nicht dichten. Der Hausherr war ja so nett zu sagen: er begreife das vollkommen. Nur wach bleiben muß ich auf jeden Fall; nicht mich zurücklehnen, sondern steif sitzen bleiben und sofort hineinschreiben. Dazu liegt das Fremdenbuch ja eben da. Ganz ähnlich erwartungsvoll und unangenehm liegt es da wie die alte Löwin, die so oft gähnte, auf der chaiselongue im großen Salon des Palais Harrach, der ich befohlen war, meine Gedichte vorzulesen und von der ich wußte: sobald meine Gedichte anfingen, sie zu langweilen so würde sie mich fressen. Aber das ist ja ein alter dummer Traum, den ich vor vielen Jahren geträumt habe. Warum fällt mir denn nur der alte Traum jetzt ein? Das ist immer ein Zeichen von Schläfrigkeit wenn einem alte Träume einfallen. Wenn man nicht einschlafen kann, wünscht man sich das sosehr, aber dann kommt es nie. Und wenn man nicht einschlafen will, dann geht es gerade umgekehrt. Da muß man sich einfach aufrütteln: es handelt sich darum etwas ins Fremdenbuch zu schreiben. Der Hausherr - sonderbar daß mir in diesem Augenblick nicht einfällt, wie er aussieht, aber da steht er ja, fünf Schritte von mir, und bläst in die Holzkohlen, um mir Thee zu machen, und weil er über die Kohlen gebückt ist, kann ich sein Gesicht nicht sehen, aber dafür sehe ich das andere Gesicht, dieses große weiße, ein kreideweißes Gesicht. Ach, das ist ja das aufgeschlagene Fremdenbuch! Fremdenbuch? wer spricht da von Fremdenbuch? Das Gesicht ist doch die Baronin Meyendorff aus Weimar, eben ist sie hereingetreten und prompt hat auch jemand in einer Ecke gesagt: 'Oh! c'était une grande amie de Liszt' Aber wie kommt sie hier her und warum setzt sie sich so nahe zu mir und was will sie von mir? Jetzt spricht sie ja! Aber es klingt ganz aus den Weiten, obwohl ihr weißes Gesicht dicht vor mir ist. 'Sie sind also der wirkliche Dichter'? sagt sie, und bevor ich etwas erwidern kann, setzt sie mit einem großen air hinzu: 'Der erste Kutscher hat mir viel von Ihnen gesprochen' und ich fühle, daß ich jetzt lanciert bin, daß meine Position enorm werden kann, daß ich aber jetzt sofort etwas ins Fremdenbuch dichten muß, was im gleichen Augenblick, wo ich es dichte, als Transparent vor den Augen aller dieser Leute erscheinen wird. Denn wir sind in der Neujahrsnacht und alles wird in Transparent geschrieben und durch Scheinwerfer nach Hinterhör geworfen, damit die Hühner von Ottonie am geistigen Leben Anteil nehmen können. Denn sie haben sich bei der Bibiana beschwert, daß sie das Vorabendblatt der Münchner Neuesten immer erst am nächsten Nachmittag zu Gesicht bekommen. Meine Verlegenheit ist wirklich enorm, denn ich weiß, daß das was in mir dichtet, mir im Augenblick abhanden gekommen ist, d.h. ich habe es verlegt oder verloren aber nicht auf gewöhnliche Weise, sondern das alles hängt mit der Jahreszeit und der Landschaft zusammen, es ist sozusagen eingefroren, es kann nicht heraus. Ein wirklicher Dichter, sage ich mir und freue mich über das aperçu, ist eben zugleich da und nicht da. Ein wirklicher, ein wirklicher geheimer, ich muß es aber sofort wieder werden, und dazu gibt es ja ein einfaches Mittel ich muß bloß mit Julie im Park spazierengehen, da wird man im Augenblick ein wirklicher geheimer - Warum sage ich eigentlich Julie? Ich kenne sie doch gar nicht so gut. Aber ganz einfach, weil ich sie charmant finde. Diese Motivierung gibt mir innerlich einen kleinen Ruck, wie wenn der Lift plötzlich stehen bleibt und ich bin ganz nahe daran, aufzumachen. Aber ich bin gleich wieder drin und ich weiß daß es sich einfach darum handelt, mit Julie im Park spazierenzugehen. Dazu muß natürlich Frühling sein, aber den herbeizuschaffen ist ja keine Kunst: man setzt sich in den Lift, schließt die äußere Tür, dann die innere und drückt auf den Knopf: der Lift ist Zeitautomat. Ich kann in den Frühling hinausfahren. Wenn ich bei 'Zwischengeschoß' drücken würde, so bliebe er beim 11ten Februar stehen, wo auf der sonnigen Stelle beim Eingang der Wolfsschlucht alles voll Himmelsschlüssel und Leberblümchen steht. Ich drücke aber bei 'Parterre' und sehe direct in den vollen Frühling. Der Frühling ist auch da, aber Julie ist nicht da. Ich suche sie hinter den Bäumen, unter den bemoosten Steinen, sie ist nicht da. Ich bin nicht würdig, mit ihr spazierenzugehen. Da fällt mir auch gleich ein, was ich angestellt habe: ich habe vergessen, im Lift das Licht auszudrehen. Ich laufe zurück und drehe ab, allein davon wird es doppelt so hell. Der Lift rast mit mir nach oben und stößt an. Ich bin wach: auf dem Tisch unter der Lampe, die mir in die Augen scheint, liegt das Fremdenbuch, kreideweiß und wartend.

Hofmannsthal

 

Publiziert in BW Degenfeld, S. 625-627 u. Werner Volke: "Es ist hier wieder so paradiesisch schön..." Die Dichter und das Gästebuch. Hofmannsthal und Schröder in Neubeuern. In: HB 40, 1990. S. auch Werner Volke: Ottonie Gräfin Degenfeld zum 100. Geburtstag. Rede zur Gedenkfeier in Hinterhöhr am 13. August 1982. In: HB 29. Frühjahr 1984, S. 45-58.